Eine dänische Papiertheaterlegende zu Besuch in Mering

Im Mai dieses Jahres durften wir uns über den Besuch von Per Brink Abrahamsen in Mering freuen. Die Zeit verging wie im Fluge. Wie nicht anders zu erwarten, kreisten unsere Gespräche immer wieder um das unerschöpfliche Thema ‚Papiertheater‘. Natürlich waren unsere neue Bühne und unsere Neuinszenierung von ‚Rigoletto‘ Schwerpunkte unserer Konversation. Nach einer Privataufführung von Giuseppe Verdis Meisterwerk schrieb Per einen Artikel im European-Paper-Theatre-Magazin über diese Vorstellung.

Per hat uns freundlicherweise gestattet, seinen Artikel auf unserem Blog zu veröffentlichen. Dieser Artikel erschien zuerst im EPT 4 – 2017, S. 75ff. Das Abonnement dieses Magazins ist übrigens gratis und kann mit einer Email an die Adresse modelteater-nyt@grafisk-werk.dk bestellt werden.

English version

Für den Regisseur des „kleinsten Opernhauses Deutschlands“, das übrigens gerade doppelt so groß geworden ist, gibt es wenig Zweifel: Benno Mitschka will mit seinen Opernproduktionen THEATER schaffen, weit weg von den Biedermeier-Salons des 19. Jahrhunderts.

Unser reisender Reporter berichtet.

Das Spielen mit Papiertheater wird oft als Hobby oder sogar als nostalgisches Hobby bezeichnet. Die alten Blätter, oft als Kopien oder Nachdrucke verwendet, werden sorgfältig montiert, akkurat ausgeschnitten und als schöne Bilder auf einer Bühne arrangiert. Oft wird als Proszenium die Kopie eines bekannten Theaters verwendet. In Dänemark handelt es sich dabei in der Regel um das Königliche Theater in Kopenhagen mit seinem Akropolis-Vorhang. Auf diese Weise werden populäre Theateraufführungen der Vergangenheit wiederhergestellt, und daran ist natürlich absolut nichts falsch.

Allerdings gibt es doch auch eine andere Möglichkeit, das Papiertheater-Format zu verwenden, und zwar als eine mögliche heutige Art und Weise, Theater zu machen und das Ganze mit Hilfe der technischen Möglichkeiten, die jetzt verfügbar sind: LED-Licht, Spotlights und Projektionen. Benno Mitschka, der zusammen mit Christine Schenk seit beinahe 3 Jahren an fast jedem Wochenende eine breite Palette von Opern in “ Deutschlands kleinstem Opernhaus“ in Mering zwischen München und Augsburg aufführt (2016 organisierten sie das weltweit erste Papiertheater-Opernfestival, siehe EPT 2016 S. 153-70, 179-82), formuliert es auf diese Weise: „Ich habe die Original-DNA des Papiertheaters genommen und neu zusammengestellt, damit sie in die heutige Zeit passt, aber so, dass es eben immer noch Papiertheater ist. Papier bleibt das Medium, aber ich denke bei der Entwicklung meiner Theaterinszenierungen in Richtung Animationsfilm. So orientiere ich mich bei der Komposition der einzelnen Bilder an den gestalterischen Möglichkeiten einer Filmeinstellung. Der Szenenwechsel soll wie ein Filmschnitt funktionieren, um nur zwei Beispiele zu nennen.“

Deshalb hat sein neues Theaterportal keine Spur mehr von einem traditionellen Theaterproszenium. Es ist nur schwarz mit einem Goldrahmen um die Öffnung herum.

Es ist nicht nur ein anonymer schwarzer Rahmen, sondern die Öffnung ist auch größer, 45 x 65 cm, so dass es möglich ist, Figuren bis zu einer Höhe von 28 cm zu verwenden, mehr als das Doppelte der üblichen Höhe einer Papiertheaterfigur.

„Dieser Rahmen bietet mir ganz andere Gestaltungsmöglichkeiten, da die Größeninformationen, die festlegen, wie groß die handelnden Figuren zu sein haben, wegfallen, und ich somit keine perspektivischen Limitierungen mehr habe. Der Rahmen wird so zum Fenster in die Wirklichkeit des Bühnenraumes“, erläutert der Theatermann sein künstlerisches Konzept.

Ein weiterer Vorteil der größeren Bühne ist, dass nun ein Publikum von bis zu 50 Personen die Möglichkeit hat, von jedem Platz aus das Geschehen auf der Bühne gut verfolgen zu können. Die Aufführungen werden dadurch wirtschaftlich rentabler.

Benno ist überzeugt, dass es möglich ist, die Papiertheateroper damit zu einem kommerziell noch erfolgreicheren Unternehmen zu machen. „Rigoletto“ ist das erste Beispiel dieses neuen Konzepts. Alle Bühnenbilder und Charaktere wurden vergrößert und an die neue Größe angepasst, so dass der Hintergrund bis zu 70 x 100 cm groß ist, und die Figuren vorne eine maximale Größe von 28 cm haben.

Die Konstruktion des Theaters ist wie bisher mit einem Schnürboden, der einen kompletten und unmittelbaren Szenenwechsel ermöglicht, indem man nur an einem Schnur-Bündel zieht. Die größeren Ausmaße des Theaters erhöhen jedoch auch das tatsächliche Gewicht zu ziehen, wenn 4 bis 5 große Blätter gleichzeitig hochgehoben oder gesenkt werden müssen. Ebenso erfordert die erweiterte Höhe der Charaktere stabilere Figurenführer, um das Wackeln zu vermeiden.

Die umfangreiche Nutzung des Schnürbodens bedeutet, dass es im Theaterraum oben zwischen den Gassen keinen Platz mehr für Lichtelemente gibt. Die Bühne wird also vorwiegend von den Seiten beleuchtet, wie aus dem Foto hervorgeht. Das bedeutet auch, dass die Charaktere im hinteren Teil der Bühne etwas schräg stehen müssen, um nicht im Schatten zu sein.

„Die neue Bühne bietet mir die Möglichkeit, mit einer professionellen Theaterbeleuchtung zu arbeiten. Eine Beleuchtung von oben gibt es nur noch von vorne durch die Verwendung dreier großer Theaterspots, die vor dem Proszenium installiert sind. Ebenfalls vor dem Theaterportal befindet sich ein ein Meter langer LED-Bar, der als Fußlicht zum Einsatz kommt“, beschreibt der Künstler seine lichttechnischen Neuerungen.

Die neue Größe eröffnet auch neue Inszenierungsmöglichkeiten mit den Figuren. Der gesamte Bühnenraum ist jetzt nutzbar, da auch die aus perspektivischen Gründen kleineren Figuren im Hintergrund der Szenerie immer noch so groß sind, dass sie auch in den hinteren Reihen vom Publikum gesehen werden können.

In seiner Interpretation der Oper „Rigoletto“ sieht Benno Mitschka den Konflikt und den Kontrast in der Liebe und Sorge des Titelcharakters für seine Tochter im Gegensatz zu seinem skrupellosen Verhalten gegenüber seiner Umgebung. Er ist beispielsweise nicht dazu in der Lage, seine eigene Vaterliebe so zu abstrahieren, dass er diese Gefühle auch Monterone zugesteht, der sich in ähnlicher Weise um seine Tochter sorgt. Dieses schizophrene Verhalten wird am Ende auch für Rigoletto selbst tragische Konsequenzen haben.

Die verwendete Aufnahme stammt aus den 1930er Jahren mit dem dänischen Sänger Helge Roswænge als Herzog. Wie bei den übrigen Aufführungen sind die Bühnenbilder naturalistisch. Sie stammen sowohl aus dem Papiertheaterfundus (u.A. d’Artagnans Zimmer von „Die drei Musketiere“!) sowie aus vielen anderen Quellen und wurden anschließend von Benno bearbeitet. Die Figuren basieren auf sehr detaillierten zeitgenössischen Kostümskizzen und funktionieren auch im großen Maßstab sehr gut. Wenn die (kleineren) technischen Probleme gelöst sind, wird das Multum in Parvo Opernhaus in der Lage sein, als Deutschlands kleinstes Opernhaus fortzufahren, aber jetzt doppelt so groß.

Anmerkung des Blogbetreibers: Von unserem Rigoletto gibt es übrigens mittlerweile die ersten 3 Minuten der Aufführung als Videoclip zu sehen: https://www.facebook.com/Kleinstes.Opernhaus/videos/1357747847678126/ Weitere Informationen befinden sich hier: http://papiertheater.net/rigoletto.html

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Making of: Im Filmstil ausleuchten

Klassische Regeln des Filmlichts lassen sich auch im Papiertheater für die Lichtgestaltung einsetzen.

Das Foto zeigt das Bühnenbild ‚Gotisches Zimmer‘ von Jos. Scholz, Mainz. Die verwendete Reproduktion stammt von Multum in Parvo in Mering.

 

Ich möchte anhand dieses Fotos, das ich vor 2 Tagen auf unserer Bühne gemacht habe, einmal zeigen, wie man eine Papiertheater-Kulisse nach den Regeln des klassischen Hollywood-Kinos ausleuchten würde.

Eine der wichtigsten Regeln, die im Mainstream-Kino kein DOP infrage stellen würde, lautet, dass es nur eine einzige Lichtquelle geben darf, von der sich alles, was im Bild im Licht ist, ableiten lässt. Eine andere Regel, die ich hier ebenfalls beherzigt habe, sagt, dass der Vordergrund am dunkelsten und der Hintergrund am hellsten zu sein hat. Dadurch wird in einem zweidimensionalem Bild die Tiefenwirkung betont.

Die Lichtquelle, die das gotische Zimmer von Scholz ausleuchtet, ist hier die Sonne, die durch das hintere Fenster in den Raum hineinstrahlt. Natürliche Reflektoren sind zum einen der Boden hinter dem Fenster, der Fußboden vor dem Fenster, die Wände und die Decken des Zimmers. Die LED-Leiste, die vom Zuschauer aus gesehen auf dem Boden hinter dem Fenster liegt, dient hier quasi als reflektierende Rasenfläche. Aus diesem Grund habe ich auch alle 10 LEDs auf ein helles Grün gesetzt. Man kann dieses dezente Grün noch an den Wänden erahnen. Das Fenster selbst hat auch rote, gelbe und grüne Teile. Licht, das durch dieses gefärbte Glas durchkommt, wird also eingefärbt. Um diese Wirkung zu simulieren, habe ich die einzelnen LEDs der Leiste, die vor der letzten Durchsicht hängt, in verschiedene Farben aufgeteilt. Die Grundstimmung ist weiß, aber je 2 LEDs (jeweils auf die rechte und linke Seite aufgeteilt) wurden auf rot, grün und gelb gestellt, wie es farblich dem Fensterglas entspricht. Der Kamin rechts vorne hat einen relativ großen Blauanteil und einen sehr kleinen Rotanteil. Die Farben würden im richtigen Leben natürlich reflektieren, weswegen ich die Decke über dem Kamin mit einigen LEDs auf blau und rot gesetzt habe. Es bleibt noch der Schrank auf der linken Seite übrig. Die Kanten zum Licht hin sind am hellsten, wie dies bei Streiflicht eben der Fall sein würde. Um den Schrank hell genug zu bekommen, setzte ich einen Spot ein, der in einem leichten Rot strahlte. Unter normalen Lichtverhältnissen würde das Tageslicht im vorderen Winkel des Zimmers natürlich nicht ausreichen, um diesen Schrank so hell zu erleuchten. Doch die oben vorgestellte Regel besagt ja auch nur, dass das Licht von einer einzigen Lichtquelle ableitbar sein muss. Und diese Regel wurde hier nicht verletzt. Das Licht, welches die Seite des Schranks zur Wand hin trifft, lässt sich als Reflexion der Wand erklären.

Beschreibung unserer Lichtanlage:

  • 6 LED-Streifen von Schnick-Schnack-System (25 cm lang). 5 hängen oben in den einzelnen Gassen, die 6. liegt auf dem Boden vor dem Hintergrundprospekt. Jeder der LED-Streifen verfügt über 10 einzelne LEDs, die sich individuell ansteuern lassen und in jeder gewünschten Farbe leuchten können.
  • 2 PAR-64-Scheinwerfer. Die Scheinwerfer stehen hinter dem Hintergrundprospekt und sind auf einem Stativ aufgebaut. Unsere Hintergrundprospekte sind alle auf Backlit-Film ausgedruckt. Mit diesen Scheinwerfern hat man ausreichend Beleuchtungsstärke zur Verfügung, um es hinten bei Bedarf auch richtig strahlend hell zu bekommen.
  • 1 LED-RGB-Spot.